Klo-Balisierung

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Fabriken für Klopapier schieben Extraschichten, kommen mit der Nachfrage aber nicht hinterher. Toilettenpapier ist in der Krise zu einer begehrten Ware geworden. Warum das so ist, darüber wird gerätselt. Ein Erklärungsversuch ohne Anspruch auf Richtigkeit.  

Die Präferenzen in der Versorgung in Zeiten der Krise führen zu überraschenden Ergebnissen wie dem, dass wir dem Sauberhalten der Glutealregion einen höheren Stellenwert beimessen als beispielsweise dem Essen & Trinken. Warum das Klopapier so eine zentrale Rolle bei unseren Einkäufen in Krisenzeiten einnimmt bleibt bislang ein Rätsel. Grundsätzlich kann man nicht davon ausgehen, dass die Bevölkerung falsch informiert wäre und den neuartigen Virus mit einem Magen-Darm-Virus und seinen dementsprechenden Auswirkungen verwechselt. Dies scheint schon deswegen ausgeschlossen, weil heute die ganze Familie, wie zu Zeiten des Reichsempfängers vor dem Bildschirm sitzt, wenn der Bundeskanzler zur Presse spricht. Die Dramatik an den Klopapierregalen lässt sich auch nicht aufgrund der Unersetzlichkeit des Produktes erklären. Ist es nicht so, dass Klopapier eine Reihe von Substituten kennt? Ein drastisches Beispiel dafür zeichnet dabei ein alter Freund seit Studienzeiten, der meinte, wenn alle Stricke reißen, hab ich noch immer meine Diplomarbeit…

Der Herdentrieb

Warum also wurde das Klopapier zum neuen Gold in der Krise? Es gibt dabei viele Ansätze. Einer davon ist, dass wir Herdentiere sind, wie Dr. Cordula Cerha, Professorin an der WU-Wien am Institut für Handel & Marketing erklärt, was dazu führt, dass wir gerade in Krisenzeiten kaufen was andere kaufen. Dies hat damit zu tun, dass wir bei unbestimmter Bedrohung, die wir mit unseren Sinnen nicht erfassen können, keine erworbenen Verteidigungsstrategien erlernt haben, die unser Leben schützen könnten, auf die Aktionen der Herde bzw. der Masse vertrauen. Wir wollen daher Produkte kaufen, die bereits stark nachgefragt sind, und verstärken damit die Nachfrage, was zu leeren Regalen führt. Diese irrationale Nachfrage könnte jedoch für jeden beliebigen Artikel gelten. Warum ist also gerade Klopapier das Objekt der Begierde der Herde? Ein Erklärungsversuch führt uns dabei in die Medizingeschichte. Viren und Bakterien, die tödliche Krankheiten übertragen, werden in unserem kollektiven Bewusstsein oftmals mit Schädlingen in Verbindung gebracht. Als Ursprung einer Seuche, so die Erzählung, werden daher auch immer unhygienische Bedingungen verantwortlich gemacht. Verunreinigtes Leitungswasser bei der Cholera oder Flöhe sowie Ratten, die seit jeher mit der Pest und anderen Seuchen in Verbindung gebracht werden, sind nur einige Beispiele. Die Klorollen sind dabei ein sichtbarer Ausdruck eines hygienischen Haushalts, eines Haushalts der Sauberkeit nicht vernachlässigt, der sich nichts vorzuwerfen hat, auch wenn der Virus wirklich zufällig und unverhofft durch das Schlüsselloch kommt. Wenn wir uns also in unseren Haushalten über ausreichend Toilettenpapier erfreuen, dann befreien wir uns ein wenig von der Schuld an der Ausbreitung der Krise.

Ein Symbol der Reinheit

Zusätzlich kommt hinzu, dass Epidemien immer Zeiten von Stigmatisierung waren. Die „schmutzigen Juden“ werden nicht nur einmal als Sündenböcke für Seuchen identifiziert. In den 1340er Jahren wurde den Juden vorgeworfen die Brunnen vergiftet- und so die Pest ausgelöst zu haben. Diese Vorwürfe führen uns direkt zur göttlichen Strafe.  So kam man in Zeiten der Pest auch auf die Idee, dass durch die Pest Gott die Christen straft, da sie Juden in ihren Städten akzeptieren. Die Folge waren europaweite Judenpogrome. Aber es wäre zu einfach solche Ausgrenzungen auf das finstere Mittelalter zu beschränken. 1983 warnte das Magazin „Der Spiegel“ vor einer „Homosexuellen-Seuche“, die Europa und die USA in Angst und Schrecken versetze. Der CSU-Politiker Peter Gauweiler sprach damals über AIDS als Strafe Gottes für die Homosexualität und anderer Sünden“. Auch bei COVID-19 sehen wir ähnliche Verwerfungen, wenn abwechselnd Chinesen, Amerikaner oder den Kindern die Schuld an der Ausbreitung des Virus gegeben wird. Mit den Klorollen versichern wir uns immer auf der richtigen Seite zu stehen, zu den Sauberen und nicht den Verschmutzten zu gehören und damit zu den Auserwählten, egal von woher der Wind auch bläst. Die Reinigung unserer Intimsphäre ist ein symbolhafter Akt, der sagen soll. „Wir haben nichts zu verbergen, denn wir sind „sauber“. Klopapier ist also in Seuchenzeiten mehr als ein Versorgungsartikel. Klopapier ist das Symbol für Unschuld, die unsere Angst vor Stigmatisierung bekämpfen soll. Gerade die Größe der Verpackungen macht das Produkt dafür so passend. Deswegen tragen wir alle mit Stolz unsere Klopapiertragetaschen durch die Gassen und hoffen, dass wir dabei von unseren Nachbarn gesehen werden, der dies dann sicherlich auch bezeugen kann, wenn der Virus auch uns trifft.

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