Stockholm oder Helsinki, eine Frage des Geschmacks

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Die Brücken Stockholms

Klimawandel wird den Norden in Zukunft immer attraktiver machen. Aber was ist denn nun besser. Helsinki oder Stockholm. Zwei Metropolen, die vielleicht unterschiedlicher nicht sein können, im Vergleich.

Die letzten Atemschläge eines kranken Planeten erleben, dort oben an der Peripherie, wo er noch nicht fiebrig glüht und brennt und wo die Schatten noch Abkühlung versprechen. Aber auch wenn die Flucht vor dem Erdfieber uns die Richtung vorgeben wird, wird uns trotzdem noch eine Entscheidung aufgezwungen. Stockholm oder Helsinki zum Beispiel. Zwei Metropolen auf dem Weg zum Polarkreis und damit hoch im Kurs. Beide vom Meer umspült und beherrscht. Beide leben in den Sommermonaten auf, wenn die Sonne in den Weißen Nächten, niemals ganz vom Horizont verschwindet.

Abba oder Nightwish

Aber aller lagebedingten Ähnlichkeiten zum Trotz könnten die beiden Metropolen unterschiedlicher nicht sein. Stockholm erscheint dem Besucher auf dem ersten Blick wie ein Lied aus Mamma Mia. Schnell zugänglich, vom ersten Moment. Ein visueller Ohrwurm, der sofort fesselt, fotogen, wie Agnetha, aus jeder Distanz. Ein Venedig des Nordens, wie oft bemerkt wird, wieder so ein Vergleich aber nicht treffend. Aber Stockholm ist viel zu blond und sauber dafür. Und die beschaulichen mittelalterlichen Gässchen auf der Insel Gamla Stan, erinnern dann doch eher an Prag als an Venedig und die prachtvollen Herrenhäuser aus dem 19. Jahrhundert an den Wasserfronten der Stadt könnten auch auf der Ringstraße ihren Mann stellen. Der barocke Königspalast, der trotz permanenter Abwesenheit der Königsfamilie, die Wachablöse touristengerecht zelebriert thront erhaben über den Kanälen der Stadt und über der Demokratie in Form des Reichstagsgebäudes, dass sich eine Insel für sich allein gebucht hat. Demgegenüber ist das postmoderne Helsinki für den Anfänger etwas sperrig fast befremdlich, nicht wie Abba, sondern mehr wie Nightwish, postmodern eben, nach dem Prinzip „anything goes“. Nicht immer schön, vor allem nicht im ersten Moment. Jedenfalls schwerer zugänglich, was nicht nur an der exotischen finnischen Sprache liegt. Wer am Hauptbahnhof im Herzen der Stadt aussteigt, könnte im Affekt gleich wieder den Rückzug antreten. Die Architektur des Hauptbahnhofs erinnert mehr an die Architektur im Faschismus Mussolinis und bildet ein Ensemble mit ein paar unwirtlichen Glaskästen der 1970er Jahre, gegenüber des Bahnhofs, links davon das Atheneum, ein neoklassischer Bau, der vor allem der Malerei des 19. Jahrhunderts gewidmet ist. Dissonanz in den Augen kann sich da breit machen, wie bei der finnischen Band Nightwish, wenn die Gehörgänge von Metal und Oper gleichzeitig befüllt werden. Manche meinen, so ein Musikstil konnte eigentlich nur in Finnland entstehen, wo eben alles geht. Diese Radikalität auf der Suche nach Identität hat auch historische Gründe. Das gänzliche Fehlen einer stolzen monarchischen Vergangenheit befreit Helsinki, das erst von den Russen 1814 zur Hauptstadt der Provinz Finnland erkoren wurde und erst 1917 zur Hauptstadt Finnlands wurde, von der Bürde Vergangenes bewahren zu müssen. Postmoderne Architektur wird bereits im Stadtzentrum sichtbar. So wie das Oodi, die Zentralbibliothek Helsinkis, das als neues Wahrzeichen der Stadt gefeiert wird. Eine riesige Welle aus Glas und Kiefernholz oder doch ein Schiff in dessen Bauch die Bevölkerung Ruhe und Schutz vor den Stürmen und Fluten des modernen Lebens findet. Eine Arche Noah für die Stadt. Es ist die Veränderung, die Helsinki ausmacht, die nicht im Alten verharrt, wie es historische Städte gezwungen sind zu tun. Helsinki ist eine Stadt in der Pubertät, die sich immer wieder neu erfindet, während so viele andere Städte bereits Greise geworden sind, und nur ihre eigene Geschichte rezitieren. Nur wenige Straßenzüge rund um den Senatsplatz mit dem berühmten weißen Dom Helsinkis bleiben von der Erneuerung verschont und natürlich das Weltkulturerbe Suomenlinna, die berühmte historische Militärfestungsanlage, gegründet durch die schwedische Besatzung und ausgebaut durch die russische Besatzung, auf einer der vielen vorgelagerten Inseln der Stadt.

Großes Dorf vs. Multikulti

Denn Helsinki will in die Zukunft schauen, ökologisch sein, seine Straßen, seine Geschäfte unterirdisch bauen, Müll unterirdisch entsorgen. Der Verkehrsstau ist in Helsinki eine surreale Dystopie. Auch Stockholm erneuert Einiges. Verlagert den Verkehr unterirdisch: Mit einem 21 Kilometer langen Tunnel soll die Stadt den oberirdischen Verkehr entlasten. Nach dem Motto, „Auch Rom ist nicht an einem Tag erbaut worden“, will man die Bevölkerung auf die Länge des neuen Bauvorhabens vorbereiten. Aber es soll sich in Zukunft auszahlen. Während man heute beinahe zwei Stunden von Nordstockholm in den Süden der Stadt braucht, soll es bis spätestens 2030 in 15 Minuten gehen. Stockholm ist viel dichter, man fühlt die Großstadt, den Verkehr, die Hektik viel mehr als in Helsinki. Dort wiederum scheint sich die Natur, gegen Großstadtstreben noch immer erfolgreich durchsetzen zu können. Überall gibt die Stadt der grünen Lunge genug Platz zum Atmen. Helsinki ist auch im Zentrum ein Dorf. In der Bucht von Töölö, wo ein paar Kinder Standup-Paddeln und man sonst auch nicht viele Menschen im umgrenzenden Park sieht, kann man sich kaum vorstellen gerade inmitten einer Großstadt zu sein, so ländlich ist die Atmosphäre. Hier gibt es noch genügend Platz, um sich nicht auf die Füße zu steigen. Ein Blick auf die Zahlen bestätigt das Bild. Während in Stockholm 4.900 Menschen pro Quadratkilometer Platz finden, sind es in Helsinki ganze 1000. Jedoch manchmal könnte man das Gefühl vermissen, in einer großen Metropole zu sein oder zu leben, während Stockholm auf Schritt und Tritt zeigt, die Königin Skandinaviens sein zu wollen. Multikulti auf kleinstem Raum, die auch die Auswahl, welche internationale Küche fürs Dinner, schwer macht. Der Anteil von Menschen in Stockholm, die nicht in Schweden geboren sind liegt bei rund 25% und damit einer internationaler Metropole angemessen (vgl. Helsinki 16%, Wien ca. 37%). Und trotzdem, das flachsblonde Haar, die Erben Agnethas sind in Stockholm noch immer nicht seltener geworden.

 HelsinkiStockholm
Lage01
Nordic Feeling11
Internationalität12
Modernität22
Gesamt22

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